Sechs Zimmerer auf der Walz in Pöchlarn
Joggl hat mir noch einen Zeitungsartikel zukommen lassen, den wollte er euch nicht vorenthalten.
Sechs Zimmerer auf der Walz in Pöchlarn

Alter Brauch wird durch vier deutsche und zwei Schweizer Zimmerleute am Leben erhalten.
Pöchlarn – Ein Handwerksbrauch aus dem späten 19. Jahrhundert erlebte in Pöchlarn seine Auffrischung. Sechs Zimmerer aus Deutschland und der Schweiz, alle Angehörige der Handwerksbruderschaft „Der Rolandschacht“ besuchten auf ihrer Walz die Nibelungenstadt Pöchlarn. Leider dauerte der Besuch nur bis zum nächsten Morgen, denn die Zimmerer setzten ihre Reise in Richtung Schwarzes Meer fort. Zwei waren mit einem Kanu auf der Donau, die restlichen Vier mit Fahrrädern unterwegs.
Bürgermeister Ing. Alfred Bergner lud die sechs Handwerker im Namen der Stadtgemeinde Pöchlarn auf ein Abendessen und die Übernachtung ein und die Burschen gaben bereitwillig Auskunft über den alten Brauch der Walz.
Ulrich Kopp, welcher bereits drei Jahre auf der Walz ist, erzählte über seine Reise, die ihn nach Frankreich, Norwegen, Schweiz, Amerika, Kanada, Australien und Neuseeland bis nach Pöchlarn führte. Paul Stelter, der Jüngste aus dem Sextett, ist erst seit sechs Monaten auf der Walz. Er plant noch Peru und Nepal zu bereisen. Beide erklärten unisono, dass die Walz eine Reise ins Ungewisse ist und ein Job ergibt sich.
Die weiteren Gesellen Johannes Schaff, Hansueli Guyer, Daniel Richter und Timo Roder erzählten, dass die Österreicher viel gastfreundlicher wären, als die Bayern und dies für sie als Deutsche bzw. Schweizer eigentlich sehr überraschend war.
Für die Vertreter der Handwerksberufe war es bereits vor 500 bis 600 Jahren Brauch auf die Walz zu gehen. Die Handwerksinnungen gründeten so genannte Bruderschaften und unterstützten die interessierten Handwerker. Es gibt in Deutschland und den angrenzenden deutschsprachigen Ländern sechs große Bruderschaften. Eine davon ist der „Rolandschacht“, welcher seit 1891 besteht. Der Brauch des Walzganges wurde eingeführt, um die neuen Handwerksgesellen vom kargen heimischen Arbeitsmarkt fernzuhalten und gleichzeitig in der Ferne Berufserfahrung zu sammeln.
Auf die Walz dürfen die Handwerker nur zwischen dem Abschluss der Berufsausbildung und dem 27. Lebensjahr gehen. Außerdem muss der Geselle ledig und keine Kinder oder weiteren Sorgepflichten haben. Eine weitere Auflage ist, dass die Walz mit 5,- Euro gestartet und wieder beendet wird. Mehr als ein kleines Handgepäck ist nicht gestattet und an Werkzeug hat der Geselle seinen Hammer und maximal noch ein Stemmeisen dabei.
Bei zwei Bruderschaften dürfen auch Gesellinnen die Walz antreten. Sie müssen dabei aber auch die Kluft der Gesellen tragen. Eine eigene Gesellinnenkluft gibt es nicht.
Aus den Bruderschaften der Handwerker entstanden im Laufe der Jahre die Gewerkschaften.
Bis heute hat sich der Brauch aber vorwiegend bei den Baugewerben erhalten. Besonders gepflegt wird er noch im Bereich der Zimmerleute. Unverändert blieben die Voraussetzungen für die Walz. Die Walz dauert mindestens drei Jahre und einen Tag und dabei darf der Walzgeher in einen Umkreis von 60 Kilometern nicht zum Heimatort heranreisen. Als Walzgewand wird dem Gesellen die „Kluft“ bereitgestellt. Die Festtagskluft für die Reisebewegungen muss sich der Handwerker bereits selbst verdienen und vom Schneider maßgerecht anpassen lassen.
Üblicherweise reisen immer mehrere Gesellen miteinander. Sollte einer krank werden, so wird er von den anderen ausgehalten bis er wieder selbst arbeiten kann.
In Pöchlarn waren: Ulrich Kopp aus dem Schwarzwald – bereits 3 Jahre auf der Walz; Paul Stelter aus Hannover – seit 6 Monaten unterwegs; Johannes Schaff aus Magdeburg – 1 Jahr auf der Reise; Hansueli Guyer aus Zürich – seit 1 Jahr auf der Walz; Daniel Richter aus Schaffhausen – seit 2 Jahren und 6 Monaten unterwegs; und Timo Roder aus Stuttgart – seit 6 Monaten auf der Walz.

Am Foto von links nach rechts: Bgm Ing. Alfred Bergner, Paul Stelter, Ulrich Kopp, Timo Roder, Daniel Richter, Hansueli Guyer, Johannes Schaff und STR Anton Macsek.
Text und Foto:
Günter Lameraner
0699/81 51 96 77
g.lameraner@wavenet.at
Geschrieben unter Reisezeit, Reisezeit 2008






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