Heute hier, morgen dort

geschrieben von Christoph am 05. August 2008

Hier noch ein Artikel, der in dem Magazin “Andere Zeiten – Magazin zum Kirchenjahr” erschienen ist. Den hatte ich ganz vergessen online zu stellen.

Urheber des Fotos: Boris Rostami Heute hier, morgen dort

Sie sind trinkfest, sagen in der Eckkneipe alte Sprüche auf und wecken die Sehnsucht nach grenzenloser Freiheit: Wandernde Gesellen. Ihren unverwechselbaren Hut nehmen sie tagsüber nur in der Kirche und Küche ab – aus Ehrfurcht vor Gott und der Schöpfung.

Urheber des Fotos: Boris Rostami Johannes Schaff weicht unwillkürlich zurück, als sich die Hand der Journalistin seiner Schnlipsnadel nähert, um sie in Augenschein zu nehmen. Seine Kameraden lachen, und der 24-Jährige entspannt sich wieder. “Anfassen ist eigentlich nicht erlaubt”, sagt er dann nachsichtig, weil er es ja nur mit einem Kuhkopp zu tun hat. So nennt er die, die keine Ahnung haben von seiner Lebensweise. Gucken halt wie die Kühe auf der Weide, wenn wir vorbeigehen.”

Kein Wunder, Johannes Schaff, Dominik Theiler und Alex Sarnow sind Blickfänger in ihrer Kluft: Schlaghose, Weste mit acht schimmernden Perlmuttknöpfen, Jackett, alles aus schwarzem Manchestercord, schwarzer Hut, links ein Ohrring, ein Bündel geschultert, in der Hand ein Wanderstab. Die drei sind Handwerksgesellen auf der Walz. Der Hut ist quasi angewachsen, er wird nur abgenommen zum Essen, zum Schlafen und in der Kirche. Auch die Kluft ist obligatorisch. Heute ist Sonntag, da ist die gute zum Ausgehen dran. Das Kostbarste jedoch ist der Schlips, den hüten die Mäner wie ihren Augapfel. ein Band aus Rips, im ersten Knopf des kragelosen weißen Hemds eingebunden, versehen mit der goldenen Handwerksnadel des jeweiligen Bauberufs. Die Bänder von Johannes, Alex und Dominik sind blau, weil sie Rolandsbrüder sind. Sie fühlen sich einer langen Tradition verpflichtet. Denn den Rolandsschacht gibt es nunmehr seit 117 Jahren. Er gehört zum europäischen Dachverband der Gesellenzünfte.

Wenn die Hunde Bellen

Ehre ist ein zentraler Begriff dieser Tradition. Das Symbol dafür ist das blaue Band, unter den Brüdern Ehrbarkeit genannt, die sie stehts sichtbar vor sich hertragen. Ohne Band keine Ehre. Und ohne Ehre keine Zugehörigkeit zur Bruderschaft. Also wehe, jemand reißt die Ehrbarkeit raus. Dann kommt der Geselle in Urheber des Fotos: Boris Rostami Erklärungsnot und muss beweisen, dass es nur ein übler Scherz war und keiner seiner Brüder, der ihn bei seinem unehrenhaften Vergehen erwischt hat. Dem Kuhkopf wird mulmig, denn Ehre kann erfahrungsgemäß mit fragwürdigen moralischen Vorstellungen einhergehen. Doch Johannes stellt klar: “Wir halten uns ans Gesetz. Deshalb reißen wir auch den Ohrring nicht mehr raus. Daran war ja früher das Schlitzohr zu erkennen, das den Chef beklaut hat oder anderen Mist gebaut hat. Arbeit hat der nicht mehr gekriegt.” Die Brüder haben jedoch nicht nur ein kritisches Auge aufeinander, sie kümmern sich auch umeinander. Johannes schwärmt: Reißt du in der Bruderschaft, kannst du dich rückwärts fallen lassen, auf die Kameraden ist Verlass!” Aufgenommen wird allerdings nur, wer keine Verantwortung am Heimatort zurücklassen muss: eine Ehefrau, Kinder, Schulden, Vorstrafen. Der Geselle soll unbelastet losgehen und zurückkommen. Erhält er die Ehrbarkeit, verpflichtet er sich, mindestens für drei Jahre und einen Tag der Heimat wenigstens 60km fernzubleiben. Gereist wird zu Fuß oder per Anhalter, öffentliche Verkehrsmittel sind verpöhnt, Handys verboten. Maximal sechs Monate darf man bleiben. Wenn die Hunde nicht mehr bellen und die Leute anfangen zu grüßen, ist es Zeit zu gehen”, meint Johannes.

In einer Bruderschaft nach Schwestern zu fragen, erübrigt sich. Aber es gibt sie: die tippelnden Gesellinnen, sogar im Verhältnis mehr als Gesellen. Um auch Frauen aufnehmen zu können, haben sich ein paar Schächte extra gegründet. Klar, Frauen hätten ein Recht auf TIppelei, damit hätten sie persönlich keine Probleme, meinen die Rolandsbrüder. Johannes ist schon mit Gesellinnen gereist und schiebt ein Aber nach: “Einerseits wollen sie normale Kameraden sein, und dann wieder auch Frau. Deshalb gibt’s immer wieder Konflikte. Ist schon besser, wenn sie ihren eigenen Schacht haben!”

Weihnachten nach Bethlehem

Dominik ist Schweizer, der gelernte Tischler ist wie Johannes seit fast zwei Jahren unterwegs. Vergangenes Jahr kam in einer Berliner Kneipe die Frage auf: Wohin zu Weihnachten? Spontane Antwort: nach Bethlehem.

Also machten sie sich auf den Landweg von Berlin nach Israel. Weihnachten – auf den Tag genau – ware sie am Ziel. Unterwegs haben sie viel erlebt, gelernt und natürlich gearbeitet, fast in jedem Land, unter anderem in einem Kloster nahe Jerusalem. Wieviele Tage hat ein Wandergeselle Arbeit im Monat? Über den Daumen gepeilt, Hälfte Arbeit, Hälfte Reisen”, schätzt Johannes. Also trotz Regeln doch viel Freiheit? Du kannst halt dein Zeug bündeln und gehen, falls’n Chef dir zu blöd kommt, oder du steigst morgens beim Trampen ins Auto und guckst, wohin das fährt. Manche Leute fragen mich, wo schläfst du heute Abend, ja das weiß ich doch noch nicht! Es ergibt sich halt was, manchmal eben auch draußen im Schlafsack. Für andere ist’s ´ne Plage, für mich ist das Freiheit.”

Der Artikel stammt aus den Magazin

Andere Zeiten Magazin
Ausgabe 02/2008
“Unterwegs – Heute hier, morgen dort”

Autor:

Marie Blender-Lorenzen,
freie Journalistin
lebt in Lübeck.

Die Bilder aus für den Artikel, stamm von

Boris Rostami
Bismarckstraße 34
20259 Hamburg

Geschrieben unter Reisezeit, Reisezeit 2008

Leave a Reply